Abendlied

Stiller Abend. Dunkelgold.
Ich sitz beim Gläschen Wein.
Was blieb mir noch von meinem Tag?
Ein Schatten und ein Schein.
Soll doch ein Glanz von Dunkelgold
in mein Lied hinein.

Stiller Abend. Dunkelgold.
Ein Jude, alt und grau,
betet fromm vom Jahrmarkt fort
Abfall, Mief und Staub.
Soll doch ein Murmeln vom Gebet
hinein zu mir ins Lied.

Stiller Abend. Dunkelgold.
Wind, weltaus, weltein.
Und meine Trauer, die noch wach,
schläft wie ein Küken ein. –
Soll doch ein Hauch von ihrem Schlaf
zu mir ins Lied hinein.

Stiller Abend. Dunkelgold.
Ein Sommervogel fliegt
mit seinen Flügeln, grau mit Gold,
hinweg nach "Gott behüt". –
Soll doch ein Zittern seines Flugs
hinein zu mir ins Lied.

Stiller Abend. Dunkelgold.
Ich sitz beim Gläschen Wein.
Was blieb mir noch von meinem Tag?
Ein Schatten und ein Schein.
Soll doch ein Glanz von Dunkelgold
in mein Lied hinein.


Gedicht von Itzik Manger
Übersetzung aus dem Jiddischen:
Melitta Depner